Schluss mit der Russophobie! Schluss mit Bigotrie!

Ob im Krieg, in einer Krise oder Konflikt – Sündenböcke werden leider oft benutzt.
Ein Eintrag, der auch von Wut geprägt ist.

Putin’s Angriffskrieg gegen die Ukraine ist weder die Schuld der russischen Bevölkerung noch der russischen Immigranten in Deutschland und anderswo auf der Welt. Dieser Krieg, geführt von Wladimir Putin und seiner kriminellen Klique, ist allein die Schuld des Kremls.

Bild von geralt (Pixabay)

Es ist eingetreten was ich in „Death Blow to Minsk II – What Now?“ befürchtet habe: die Feindseligkeiten gegenüber Wladimir Putin und sein Kabinett werden auf die gesamte russische Bevölkerung übertragen – jene die in Russland leben sowie diejenigen die geflohen sind. Es wird eine Sippenhaft (Guilt by Association) verhängt und von fremdenfeindlichen Gruppen und Personen in physische und verbale Gewalt umgewandelt.

Kriege, Konflikte und Krisen sind kein Freipass
für Fremdenfeindlichkeit und Bigotrie

Krisen, Konflikte und Kriege wurden schon oft zum Anlass für fremdenfeindliche Aktionen benutzt, dies geschah – und geschieht – auch während der Pandemie. Schon im ersten Jahr der noch immer fortschreitenden Pandemie gab es ein Anstieg am anti-asiatischen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Von Regierungsbeamten und Politikern bis zu politischen Parteien und anderen Gruppierungen wurde (und wird) die Pandemie auch benutzt um anti-semitische Verschwörungstheorien zu verbreiten sowie Einwanderungsfeindliche Positionen zu rechtfertigen. Hier ein paar Länder als Beispiel:

  • USA
    In den Vereinigten Staaten hat eine Koalition von verschiedenen asiatisch-amerikanischen Gruppen eine Meldestelle eingerichtet (STOP AAPI HATE) um die zunehmende Attacken und Diskriminierung aufzuzeichnen. Schon damals* erreichten diese Meldestelle 1,500 Berichte über Rassismus, Hetze, Diskriminierung und physischen Attacken gegen Asiaten und Asiatisch-Amerikanern. 125 davon waren körperliche Angriffe.

    Es gab auch hunderte von Fällen in denen Asian-Americans in der Öffentlichkeit schikaniert wurden, daran gehindert wurden in ein Geschäft zu gehen oder öffentlichte Verkehrsmittel zu benutzen, in Supermärkten angeschrien und beschuldigt wurden Covid-19 in die USA eingeschleppt zu haben, sowie von Autoabholdiensten wie Uber und Lyft die Fahrt verweigert wurde. Hinzu kommt die Trump-Administration die zu dieser Zeit auch vom „chinesischen Virus“ sprach und dadurch wahrscheinlich jene verbale und köperliche Angriffe sowie Ausgrenzung ermutigte.

    *Mit damals ist der Zeitpunkt gemeint, an dem der Artikel von Human Rights Watch erschienen ist, dies war der 12. Mai 2020.
  • Italien
    In Italien ist der Gouverneur von der Region Veneto, ein frühes epizentrum der Covid-19 Pandemie, durch seine rassistische Äußerung an Journalisten aufgefallen. Den Journalisten hat er gesagt, dass die Italiener besser mit dem Virus umgehen könnten als die Chinesen, weil Italiener „von Kultur aus strenger auf Hygenie achten, sich die Hände waschen und sich duschen, wohingegen die Chinesen lebendige Mäuse essen“.
    Später entschuldigte er sich dafür.

    Die Zivilgesellschaftliche Gruppe ‚Lunari‘ hat seit Februar bis Mai 50 Berichte gesammelt in denen Italiener mit asiatischer Herkunft angegriffen, verbal attackiert, gemobbt und diskriminiert wurden. Gleiches gab es in Russland, Australien und Frankreich.
  • Brasilien
    In Brasilien hat der Bildungsminister Abraham Weintraub in einem tweet zum einem das „r“ durch das „l“ ersetzt um den chinesischen Akzent zu verspotten und behauptet, dass die Pandemie Teil des Plans von China wäre um die Weltherrschaft zu erlangen.

    Nach Medienberichten gab es auch Fälle von Schikanierungen und Ausgrenzung.
  • Afrika
    In afrikanischen Ländern wie Kenia, Ethiopien und Süd-Afrika gab es Berichte über Diskriminierung und Angriffen auf Asiaten die beschuldigt wurden das Coronavirus zu übertragen.
  • Und viele weiter Länder…
    Auch im Nahen Osten, Süd Korea, Japan und Indonesien gab es verstärkt Vorfälle dieser Art. Beim ersteren gab es verstärkt rassistische Rhetorik gegenüber Fremdarbeitern nachdem es Covid-19 Ausbrüche in den dicht-bewohnten Gebieten gab.

    Doch es bleibt nich auf anti-Chinesische Bigotrie begrenzt. In Indien, Sri Lanka und Myanmar wurden Muslime zum Angriffsziel von unter anderen ultranationalisten.
  • China
    In China wurden vermehrt die afrikanische Gemeinden dazu gezwungen sich testen zu lassen, in südlichen Provinzen wie Guangdong in der Stadt Guangzhou mit der größten Chinesisch-afrikanischen Gemeinschaft mussten sie sich selbst-isolieren oder wurden in festgelegten Hotels unter Quarantäne gestellt. Hausbesitzer haben zwangsräumungen unternommen was dazu führte, dass sie auf der Straße schlafen mussten. Hotels, Supermärkte und Restaurants haben sich geweigert Afrikaner zu bedienen.
    Andere ausländische Gruppen erfuhren in der Regel nicht diesselbe Behandlung.

Dies sind nur diejenigen Fälle, die bereits bekannt waren zu dem Zeitpunkt als der Artikel von Human Rights Watch herauskam – und das ist jetzt schon fast zwei Jahre her.

Auch von der Geschichte wissen wir wohin Diskriminierung und Ausgrenzung dieser Art führen, hierzu parallelen die zu diesem Zeitpunkt vermutlich am besten passen: als erstes Beispiel die im Ersten Weltkrieg anti-deutsche Kampagne von der Woodrow Wilson-Administration in den USA. Die Deutsch-Amerikaner, die damals mit 8 Millionen die größte nicht-Englischsprachige Gruppierung war, kamen mit der Migrationswelle im 19. Jahrhundert. Im Jahr 1910 gab es 554 Deutschsprachige Zeitungen sowie deutschprachigen Schulen die neben Englischsprachigen koexistierten. In den Kriegsjahren ging das Stereotyp um dass die Deutschen eine „Rasse barbarischer Plünderer“ sei die eine Sprache sprechen die andere Amerikanier nicht verstehen.

Diese ganze Kampagne resultierte in zwei Sachen:

1. Es motivierte Anglo-Amerikaner dazu alles zurückzudrängen das Deutsch war.
US-Staaten verbannten deutschsprachige Schulen und entfernten deutsche Bücher von den Bibliotheken. Manche Deutsch-Amerikaner wurden interniert, und ein Deutsch-Amerikaner (Robert Paul Prager) wurde von einen wütenden Mob getötet – unter anderem weil ihm auch angehängt wurde Sozialist zu sein.

2. Deutsch-Amerikaner assimilierten sich verstärkt in die Amerikanische Gesellschaft. Sie änderten ihre Namen in Englische um und sprachen nur noch im privaten Deutsch, auch benannten sie Straßen um.

Als Konsequenz wurden auch nicht mehr die deutsche Traditionen praktiziert (wie Bier am Sonntag nach der Kirche, dies galt für Anglo-Protestanten als unmoralisch). Mit der Zeit wurden sie somit auch in die Kategorie der „weißen Amerikaner“ gezählt.

Im Zweiten Weltkrieg waren Amerikaner japanischer Herkunft und Japanische Immigranten das Ziel. Nach dem Angriff auf Pearl Harbour verabschiedete Franklin D. Roosevelt die Executive Order 9066, von 1942 bis 1945 wurden US-Bürger mit japanischer Herkunft interniert in isolierten Lagern.

In den USA betraf es 120.000 Menschen – die meisten von ihnen hatten die amerikanische Staatsbürgerschaft. Die Individuen und Familien wurden gezwungen ihre Häuser zu verlassen. Auch Kanada folgte dem bald und zwang 21.000 Bewohner mit japanischer Herkunft die Westküste zu verlassen. Mexiko implementierte auch eine eigene Version, schließlich führte alles dazu, dass 2.264 Menschen mit japanischer Herkunft von Peru, Brasilien, Chile und Argentinien in die USA überführt wurden.

Am 7. Dezember 1941, einige Stunden nach dem Bombenangriff auf Pearl Harbour, wurden 1.291 Japanisch-Amerikaner und ihre religiösen Anführer zusammengetrieben, ohne Beweise verhaftet und ihr Vermögen wurde eingefroren.
In Hawaii, wo ein-drittel der Bevölkerung Japanischer Herkunft war, haben manche Politiker für eine Massenverhaftung plädiert. Japanische Fangschiffe wurden beschlagnahmt.

Nach dem Ende des Krieges schloss das letzte Internierungslager in März 1946.
Offiziell wurde die Executive Order 9066 erst im Jahr 1976 aufgehoben.
Im Jahr 1988 gab es eine förmliche Entschuldigung vom Kongress und mit dem Civil Liberty Act verteilte die US-Regierung je $20.000 für über 80.000 Japanese-Americans als Reperationszahlung für ihre Behandlung.

Der Schaden der auch psychisch entsteht ist ein weiterer Faktor der nicht so leicht zum miteinberechnen ist (Kinder werden durch diese Bigotrie auch zum Ziel was sich dadurch auf ihre Entwicklung auswirkt). In den angeführten Beispielen hat es zahllose Unschuldige getroffen die gleich behandelt wurden nachdem sie unter Generalverdacht gestellt wurden – ob sie unschuldig waren oder nicht hat so gut wie niemanden interessiert.

Heutiger Krieg

Der Russisch-Ukraine Krieg ist zum Glück (noch) kein Weltkrieg wie es bei den zwei Beispielen der Fall war. Wie gesagt sind die Parallelen mit der Art und Weise der Behandlung zu verbinden unter der vor allem Unschuldige litten, oder wie in der jetzt noch immer anwährenden Pandemie die Bigotrie und Fremdenfeindlichkeit überall hervorbringt.

Dieser Krieg wurde von Wladimir Putin verursacht durch seine imperalistische, geschichts-revisionistische Weltansicht – ebenso wie der militärischen Führung die diesen verbrecherischen Krieg überhaupt erst umsetzt und den Oligarchen die seit Jahrzehnten von dem autoritären Regime profitieren. Wie Proteste in Russland gezeigt haben gibt es auch dort eine signifikante Opposition gegen Putin’s Aggression, so hat eine Petition nur binnen weniger Stunden nach dem Angriff auf die Ukraine 930.000 Unterschriften erhalten. Es gibt auch Wissenschaftler und Akademiker die dagegen protestieren, so haben fast 7.000 einen offenen Brief an Wladimir Putin unterzeichnet in dem es unter anderem heißt „Wir, russische Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten, protestieren aufs Schärfste gegen die militärische Invasion der Ukraine durch die russischen Streitkräfte“ und Russland wird als „militärische[r] Aggressor und dementsprechend als Schurkenstaat“ bezeichnet.
Auch russische Prominente protestieren öffentlich gegen den Krieg. Dabei müssen wir im Kopf behalten, dass es auch viel Mut erfordert, da das Putin’sche System jedwede Opposition scharf bestraft und auch nicht vor Attentaten zurückschreckt (z. B. Alexej Nawalni).

Es ist also erst recht irrational und ignorant die Russen – im In- und Ausland – unter Generalverdacht zu stellen. Angriffe auf die Unternehmen von Bürgern russischer Herkunft sind von grundauf inakzeptabel, jedwede verbale und körperliche Gewalt verabscheuungswürdig. Wer es jetzt salonfähig macht der macht sich Mitschuldig, jene die die Gewaltakte ausüben können nicht mal die ukrainische und polnische von der russischen Sprache unterscheiden was zu nur noch mehr unschuldigen Opfern führt.
Ob wir nun von der Vergangenheit gelernt haben, vor allem dem letzten Jahrhundert, wird sich noch zeigen. Auch wenn es bisher eher düster aussieht.

Natürlich gibt es auch diejenigen die der Putin-Propaganda glauben (was nicht allein auf Russen und russische Einwanderer beschränkt ist), hier wäre jedoch in den freiheitlich-demokratischen Ländern eine Konfrontation mit der objektiven Berichterstattung besser.
Mit verbalattacken und gewaltätigen Angriffen erreicht man nichts. Wenn diese Individuen es dennoch nicht wahrhaben wollen, dann war es zumindest einen Versuch wert.
Die russische Bevölkerung in Russland hat es noch schwerer aufgrund des immer autoritär auftretenen Regimes, zu diesem Zeitpunkt wurden auch Facebook und Twitter verbannt oder sehr stark eingeschränkt. Oppositionelle Redaktionen, die bisher unter Schwierigkeiten arbeiteten, werden umso mehr noch zu Angriffszielen des Putin-Regimes.

Was sollte getan werden?

Am deutlichsten sollte die Verurteilung der Russophobie erläuten, jegliche Hasskriminalität muss mit strengen strafrechtlichen Mitteln verfolgt werden. Politik und Zivilgesellschaft dürfen nicht in die Sündenbock-Abwegigkeit fallen; da, wie gesagt, es Unschuldige treffen wird und fremdenfeindliche Gruppierungen dazu ermutigt verbale und körperliche Attacken sowie Sachschäden zu verursachen. Jene Fremdenfeinde ist es dann auch egal ob die Person oder Gruppe tatsächlich russisch ist oder polnischer/ukrainischer Herkunft. Es ist ihnen egal ob sie bereits seit Jahrzehnten in Deutschland gelebt haben.

Es ist eine humanitäre Pflicht Minderheiten vor Übergriffen und Missbrauch zu schützen!

Weiteres das getan werden kann:

  • Einreise für Russen und Russinnen erleichtern, die aus dem Putin-Regime fliehen wollen
  • Unterkunft und Grundversorgung sicherzustellen
  • Integrationsangebot generell verbessern und erleichtern
  • Weiterhin die Ukraine mit militärischen Equipment ausstatten (d.h. auch neu produzierte Kriegsmittel, nicht nur Altbestände der DDR) und humanitärisch (z. B. Medizin, Essen, Trinken)
  • Weiterhin Flüchtlinge aus der Ukraine unterstützten, auch hier Unterkunft und Grundversorgung sicherstellen (eventuell Sicherheitschecks bei den Leuten, die die Flüchtlinge aufnehmen um Missbrauch vorzubeugen; besser noch Hotelzimmer bereitstellen als temporäre Unterkunft), auch ausländische Studenten/innen sind darunter von Afrika und anderen ländern -> keine Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe!
  • Bildung für Jugendliche und Kinder sicherstellen (evtl. ukrainische Schulbücher bestellen damit die Bildung relative problemlos weitergeführt werden kann)
  • Sicherstellen, dass die Situation mit Covid-19 sich nicht verschlimmert
  • Grundlegende Gesundheitsfürsorge sicherstellen

Anmerkung: Dies sollte natürlich auch für Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und dem afrikanischen Kontinent gelten. Eine menschliche Behandlung aller Schutzsuchenden.

Schluss

Es wird ohne Frage eher unwahrscheinlich sein einen Wandel schnell herbeizuführen, doch es gibt bereits viele laute Stimmen die sich gegen Bigotrie und Hass auflehnen und Mitgefühl und Kooperation voranbringen. Von Organisationen die sich anti-semitischen und muslimfeindlichen Resentiments entgegenstellen und aufklären bis zu Politikern/innen und Aktivisten/innen die sich auch aktiv dagegen engagieren und Veränderung vorantreiben. Die Zivilgesellschaft ist dabei gefragt, nur mit ihre gelingt ein Wandel. Es ist ein langer Prozess, doch ein Prozess der notwendig ist für eine Demokratie die florieren will.

Veröffentlicht von thomasbaroque

Ich schreibe über politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Themen. Meine eigenen politischen Ziele ebenso. / I write about politics, the economy and science (my English isn't that good, though). My own political goals and ideas as well.

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