Tugenden für die Moderne – Teil 1

Zurzeit lese ich das Buch „Der 1000-Zeichen-Klassiker“ von Qianziwen, und davor „Das Buch von Mass und Mitte“ von Konfuzius und „Daodejing“ von Laozi. Als ich diese Bücher gelesen habe ist mir aufgefallen, dass die darin beschriebenen Tugenden teils vollständig und teils in moderner Weise interpretiert werden können um die richtigen Tugenden für die heutige Zeit zu finden.

In diesem Eintrag befasse ich mich mit dem 1000-Zeichen-Klassiker und interpretiere eine Stelle darin in meiner Weise (so wird es auch in Zukunft sein, und bei dem ein oder anderem wird es auch mehrere moderne Interpretationen geben).

Der Weise Rückzug

Beispielhaft waren
Die beiden Shu,
Denn sie erkannten
Die richtige Zeit

Niederzulegen
Die Amtskokarden,
Ohne dass jemand
Sie dazu zwang.

Ganz alleine,
Zurückgezogen,
Weilend in Muße
An ruhigem Ort,

Schweigsam vertieft
In friedlichem Tun,
Still und gelassen
In einsamer Ruh.

Weisheit ersuchend
Aus alten Schriften,
Stöbernd in weisen
Erörterungen,

Dass sich die Sorgen
Alle zerstreuen,
Innere Weiten
Frei sich entfalten.

Information zu den Shu’s im Buch: Shu Shou und sein Neffe Shu Guang (1. Jahrhundert v. Chr.) amtierten am Hof der Han-Dynastie (206 v. Chr. – 220 n. Chr.) als Hoflehrer des Kronprinzen und Berater des Königs. Die Geschichte ihres weisen vorzeitigen Rückzugs ist im Buch der Han-Dynastie (Hanshu, Bd. 71) verzeichnet. Beide wurden in Ehren und mit hoher Belohnung entlassen – ein lehrreiches Gegenbeispiel zu den weitaus zahlreicheren Geschichten über Aufstieg und Fall höfischer Karrieren.

Interpretation und Werte für die heutige Zeit

In der modernen Welt – von der Gesellschaft mit ihren Vereinen, der Wirtschaft mit ihren Unternehmen, die Politik mit ihren Parteien, Positionen und den Staat an sich, sowie bis zu den religiösen Institutionen – ist diese Passage nach wie vor von großer Bedeutung.

Shu Shou und Shu Guang haben im richtigen Moment einen Rückzug angetreten, vermutlich aus vielerlei Gründen die sich auch teils aus der großen Rolle als Hoflehrer speisten und die damit einhergehende Verantwortung.

Was heißt das für einen Manager, Politiker, oder Vereinsvorsitzenden?

Einen genauen fixierten Punkt, ab wann ein Rückzug weis ist, lässt sich nicht festmachen. Es lässt sich daher keine feste Anzahl an Jahren oder Jahrzehten bestimmen.
Doch es ist möglich ihn zu erkennen und diese Realisation zu benutzen um einen ehrenvollen und würdigen Abgang anzutreten. Idealerweise auch mit dem Wissen, wer die Nachfolge antreten wird um den Erfolg weiterzuführen.
Manchmal sind die Merkmale deutlich, wie zum Beispiel eine schlechter werdende Gesundheit oder eine mit dem Alter einhergehende kognitive Abnahme; es gibt auch Instanzen in der es weit weniger deutlich ist, und diese sind viel gefährlicher. Ununterbrochener Erfolg ist zwar schön und gibt auch viel Anerkennung, doch wenn man sich auf den Lorbeeren ausruht, dann kann es schnell in das Gegenteil rutschen und zur Selbstüberschätzung führen.

Ebenso führen Arroganz und Realitätsverlust (z. B. durch das einschließen in eine Echokammer von Meinungen) zu einer gefährlichen Mixtur für einen unliebsamen Abgang.

Deshalb ist es stets wichtig sich mit der Realität zu konfrontieren und auf andere zu hören, die eine andere Einschätzung haben oder Sorgen äußern. Eine Balance muss gefunden werden, und egal wie visionär oder träumerisch man ist, so muss ein Fuß immer in der realen Welt platziert sein. Die Vernunft von Aristoteles und Kant können dabei auch helfen, da diese Interpretation an sich wohl eine eher unbefriedigende Antwort zu Tage bringt.

So viel zur aktiven Zeit in der jemand eine wichtige Position besitzt, dies kann bis in das höchste Amt der Verantwortung gehen. Es ist dort sogar am wichtigsten.

Wie die Passage dann erzählt, haben sie sich zurückgezogen und an einem ruhigen Ort weitergebildet um sich innerlich weiter zu entfalten. Ein Aspekt der von Bedeutung ist, da die beiden ehemaligen Hoflehrer weiterbilden und so bereitwillig neues Lernen. In dem Sinn des Textes vermutlich hauptsächlich um innerlich und für sich eine beruhigende Weite zu finden. Umgesetzt in die Moderne heißt es jedoch nicht, dass sich jeder dann zurückziehen soll an einem stillen Ort und nur sich dort weiterbilden soll.

Im Gegenteil: nach wie vor kann der/die Zurückziehende noch mit Rat beiseite stehen, und die weitere freie Zeit kann genutzt werden um mehr Wissen und Weisheit anzusammeln. Doch um dem vollends gerecht zu werde muss Offenheit für Rat auch ein Bestandteil sein von jedem der, welche Position es auch immer ist, eine Nachfolge antreten will.

Schlussfolgerung

Anhand dieser Interpretation und Erläuterung sehe ich den unverkennbaren Wert der alten Texte. Noch immer kann viel von ihnen gelernt werden, und es ist auch möglich sie in die heutige Zeit umzusetzen und daraus Vorteile für jeden zu schaffen.

Ein weiser Rückzug, wie sie in der heutigen Welt auch leider seltener auftritt, ist nach wie vor von großer Bedeutung und ermöglicht dem Individuum einen ehrenvollen und würdigen Abgang. So erhält er/sie sich in positiver und vorbildhafter Erinnerung.

Veröffentlicht von thomasbaroque

Ich schreibe über politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Themen. Meine eigenen politischen Ziele ebenso. / I write about politics, the economy and science (my English isn't that good, though). My own political goals and ideas as well.

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