Interessante historische Persönlichkeiten – #002

In diesem Eintrag geht es um Georg Agricola, Aḥmad ibn Faḍlān, Ssuma Ch’ien und Moses Mendelssohn. Einer der bekannt wurde such sein Werk zum Berg- und Hüttenwesen, der andere ein Botschafter des Kalifen, der Vorletzte ein bedeutender Historiker Chinas und die letzte Person die ich in diesem Eintrag vorstelle war ein jüdischer Philosoph der Aufklärung. Heute zwar nur vier, dafür aber eine umfangreiche Deckung.

Bild von Pixabay (Yummymoon)

𐤀: Georg Agricola

Gemälde von Gustav Schubert (1927)
(Quelle: Wikipedia)

Geboren: 24. März 1494 zu Glauchau in Sachsen
Gestorben: 21. November 1555 in Chemnitz
Beschäftigung: Schulmann, Arzt, Mineraloge und Geologe; Berg- und Hüttenkundiger, und Landeshistoriograph

Sein eigentlicher Familienname Bauer ersetze er, wie der Sitte der Zeit entsprechend für Gelehrte, durch die latinisierte Form Agricola. In seinen Büchern bediente er sich auch der lateinischen Sprache. Über seine Familie und frühe Jugend ist wenig bekannt, da die meisten Urkunden die hierfür in Frage kämen im 16. und 17. Jahrhundert in Glauchau durch Feuer vernichtet wurden.

Feuerbrünste in der Stadt Glauchau (Quelle: Freiwillige Feuerwehr Glauchau)
Auszug: 1500 bis 1699
1543, 4. September: erstes größeres Brandunglück in der Chronik erwähnt.
1547, April: Brand bricht in der „Langen Vorstadt“ (heute: Leipziger Straße) aus.
28 Häuser vom „Unteren Tor“ bis zum Markt werden in Schutt und Asche verwandelt.
Kaiser Karl V., der gerade durch Glauchau zog, wurde so daran verhindert hier zu übernachten.

1608 verbrannten 12 Häuser und 1 Scheune am Gottesacker.
1630 gingen alle 340 Häuser der inneren Stadt einschließlich Rathaus und Kirche in Flammen auf; dazu 8 Häuser der Oberstadt, 8 Häuser am Zwinger und 46 Häuser mit 5 Scheunen auf dem Wehrdigt.
Die Frauen und Töchter des Stadtvogtes und des Hospitalverwalters verbrannten in ihrem Haus auf der Brüderstraße. Die Ursache des Feuers soll das Abbrennen von Raketen durch eine „festfrohe Gesellschaft“ in dem Haus des Krämers am Markt gewesen sein.
1641 vernichtete das Feuer die ganze Oberstadt bis auf bis auf drei Häuser innerhalb einer Viertelstunde, nachdem ein betrunkener sächsischer Reiter in das Strohdach einer Vorwerksscheune geschossen hatte.
1644 wurden 61 Häuser mit der Knaben- und Mädchenschule vor der Oberstadt und im Zwinger, sowie drei Personen Opfer der Flammen, Brandausbruchstelle war eine Bäckerei am Markt.

Von 1514-1517 besuchte er wahrscheinlich die Lateinschule in Zwickau und studierte dort Theologie, Philosophie und Philologie (Sprach- und Literaturwissenschaft).
Im Jahr 1520 veröffentlichte er seine erste Schrift: „Libellus de prima ac simplici institutione grammatica“, dort ging es um einfache lateinische Grammatik mit pädagogischen Darlegungen.

Info: In der deutschen digitalen Bibliothek können Sie diese erste Schrift von Agricola nachlesen, diese ist jedoch in Latein verfasst.
https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/5IJDTZZSTNNPSRIOKDNYESTXRRGEYRYL

Von 1518-1522 wirkte er mit seinem Freund Stephan Roth (1492-1546) in Zwickau als Konrektor der Stadtschule, danach auch in der neuen griechisch-lateinischen Schule und schließlich als Rektor beider vereinigten Anstalten. Er war dann ein Jahr lang – von 1522 bis 1523 – Lektor bei Petrus Mosellanus an der Universität Leipzig. Er reiste dann nach Italien um dort Sprachen, Philosophie, Medizin und Naturwissenschaften zu studieren (von ca. 1523/1524-1526), dort erwarb er auch an einer uns unbekannten Universität den Grad eines Doktors der Medizin – zuvor hatte er nur einen Doktor der Philosophie. In Deutschland wieder angekommen, ließ er sich im Joachimsthal 1927 als Arzt nieder.

Am Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts waren im Erzgebirge mehrere Bergwerksorte entstanden, die sich in großartiger Weise entwickelten. Die reichen Metallvorkommen hatten eine Menge Menschen angezogen, die ihr Glück machen wollten, und es bestanden in gewissem Sinne ähnliche Verhältnisse wie im 19. Jahrhundert bei den Goldfunden in Amerika. In dem jungen, erst elf Jahre zuvor gegründeten, aber lebhaften Joachimsthal fand Agricola die erwartete Tätigkeit. Hier konnt er seinen ärztlichen Beruf mit seiner Vorliebe für Mineralogie und Bergbau verbinden und immer mehr in diese neue Welt eindringen.“
(Quelle: Georg Agricola: De Re Metallica Libri XII, Zwölf Bücher vom Berg- und Hüttenwesen; Lebensbeschreibung von Agricola S. XIV)

Schon drei Jahre später hat er sein Amt als Stadtarzt aufgegeben. Im Chemnitz verbrachte er sein restliches Leben von 1533-1555. Für das sächsiche Fürstenhaus arbeitete er als Landeshistoriograph und im beruflichen Leben war er wieder Stadtarzt. Im Jahre 1546 wurde er Bürger und Ratsmitglied; in den Jahren 1546, 1547, 1551 und 1553 war er Bürgermeister. Am 21. November 1555 starb Agricola.

Sein Werk De re Metallica erschient posthum im Jahr 1556.

Quellen

Buch: Georg Agricola – De Re Metallica Libri XII, Zwölf Bücher vom Berg- und Hüttenwesen
Verlag: S. Marix Verlag
Seitenanzahl: 564
ISBN: 978-3-86539-097-4

Agricola, Georgius (Georg Bauer) – Deutsche Biographie
https://www.deutsche-biographie.de/sfz462.html#ndbcontent

Feuersbrünste in der Geschichte der Stadt Glauchau
https://www.feuerwehr-glauchau.de/13-historisches/17-feuersbruenste-in-der-geschichte-der-stadt-glauchau

Philologie
https://www.duden.de/rechtschreibung/Philologie

Georgii Agricolae Glaucii Libellus De Prima Ac Simplici Institutione Grammatica.
https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/5IJDTZZSTNNPSRIOKDNYESTXRRGEYRYL


𐤁: Aḥmad ibn Faḍlān

Ibn Fadlan verlässt die Stadt Astrakhan in der Nacht
(Quelle: muslimheritage.com)

Geboren: ca. 879 n. Chr.
Gestorben: ca. 960 n. Chr.
Beschäftigung: Theologe, Botschafter des Kalifen von Baghdad

Über ibn Fadlan wissen wir leider nur wenig, es ist nur sicher dass er Theologe war der am Hof von al-Muqtadir (894-932) gedient hat. Es ist nicht mal sicher ob er arabischer Abstammung war oder ein Muslim nicht-arabischer Abstammung1.

Fangen wir also mit dem an was er nicht war: ibn Fadlan war kein arabischer Händler, nicht der Anführer der Mission, auch kein Sekretär der Mission oder ein Jurist. Er war weder die Person inspiriert von den Arabian Nights, den Michael Crichton in seinem Roman The Eaters of the Dead (1976) geschaffen hat, noch die Hollywood Umsetzung in der er von Antonio Banderas in dem Film The Thirteenth Warrior (1999) gespielt wurde. Ebenso wenig war er ein griechischer Einwohner von Baghdad der zum Islam konvertiert wurde und einen Vertrauensposten am Hofe des Kalifen Muqtadir innehielt.
Tatsächlich können wir uns nur an seinen Worten orientieren: es war seine Aufgabe sicherzustellen, dass das Protokoll eingehalten wurde; die Briefe des Kalifen, des Wesir und des Nadhir dem Repräsentaten des Königs der Ur-Bulgaren vorzulesen; und die Geschenke in förmlicher Weise zu präsentieren um die Gastgeber der Mission zu ehren.
Dass er gebildet war kann von seinen Pflichten abgeleitet werden, und die Anweisung im islamischen Recht die er den Ur-Bulgaren übermittelt wären auch jedem Muslim der eine angemessene Bildung erhielt möglich gewesen2.

Wie bereits erwähnt wurde er als Botschafter des Kalifen al-Muqtadir entsendet, der Kalif von Baghdad von 907-932, auf Anfrage des Königs der Ur-Bulgaren um sein Volk den Glaube des Islam zu lehren. Er brach auf im Juni 921 und kam an der Residenz des Königs am 11. Mai 922 an3.

Wer genau die Zielgruppe seines Berichts war bleibt rätselhaft, da sein Werk ohne jede Spur verschwindet bis mehrere Jahrhunderte später der Geograph und Lexikograph Yaqut ibn-‚Abdullah al-Rumi al-Hamawi (1179-1229)4 ihn auf seiner Reise nach Marw und Khwarazm zitiert. In der Islamwissenschaft ist dies sehr ungewöhnlich, da für ein Autor der gelesen wird wiedergegeben und zitiert werden muss. Jedoch gibt es kein Anzeichen dafür, dass ibn Fadlan’s Schrift vor Yaqut gelesen wurde.

Yaqut ibn-‚Abdullah al-Rumi al-Hamawi (Quelle: en-academic.com)
Yaqut war ein syrischer Geograph und Lexikograph der für seine Lexika Schriften über die muslimische Welt bekannt war. Er wurde als Sklave an jemanden verkauft der später nach Baghdad zog. Als der Käufer seine Fähigkeiten erkannte, versorgte er ihn mit einer guten Bildung. Später wurde er aus der Sklaverei befreit und reiste viel. Seinen Lebensunterhalt verdiente er mit dem schriftlichen kopieren und verkaufen von Manuskripten.

Bedeutung seines Namen:
al-Rumi bezieht sich auf seine griechische (byzantische) Abstammung.
al-Hamawi bedeutet dass er von Hama aus Syrien stammt.
ibn-‚Abdullah heißt das der Name seines Vaters Abdullah war.
Yaqut bedeutet Rubin.

Sein Bericht über die Mission zur Volga beinhaltet die Begegnung mit Völkern die er auf dem Weg begegnet und ihre Sitten, Bräuche, Lebensweisen, uvm. Er fällt auch sein eigenes Urteil über ihre Erscheinung und Auftreten, auch ein abwertender Weise.
Unter den Stämmen die er trifft sind die Oghuz-Türken (die Vorfahren der Menschen die im heutigen Turkmenistan leben); am Ural-Fluss die Petschenegen, ein anderer türkischer Stamm; und am südlichen Ende der Volga treffen sie auf die Khazar.

Der wohl einprägsamste Teil seines Berichts ist der über die Waräger, eine Wikinger Gruppe bekannt unter dem Begriff der später auch den Name des Landes tragen wird: Rus.
Ibn Fadlan beschrieb die 10-tägige Bestattung des Wikinger Häuptlings und die Rituale die vollzogen wurden. Das Eigentum des Wikinger Oberhaupts wurde in drei Teile geteilt:
ein Teil für die Frau und Töchter des verstorbenen, das andere Drittel für die Klamotten die für den Toten gekauft wurden, und das letze Drittel als Zahlung für die große Menge an Alkohol die von teilnehmenden Männern konsumiert wurde über die Dauer der Bestattung.

Die Petschenegen (Quelle: Alpen Adria Universität Klagenfurt)
Auszug (1. Absatz)
„Die P. waren ein ursprünglich aus Zentralasien kommendes Turkvolk aus der altaischen Sprachfamilie. Sie führten ein nomadisches auf Viehzucht ausgerichtetes Leben und verfügten über keine dauerhaften Wohnstätten, sondern lebten in Zelten und Karren und wanderten jahreszeitabhängig mit ihren Familien, Herden, Hab und Gut entlang fester Routen auf der Suche nach Weideplätzen. Die P. kannten keinen Ackerbau, entwickelten jedoch verschiedene Handwerke, z. B. das Eisenschmieden und erstellten – wie archäologische Funde zeigen – eiserne Waffen, Werkzeuge und Geschirrteile sowie Schmuckstücke aus erlesenen Metallen. Sie betrieben auch Handel mit den benachbarten Völkern. Die P. waren in mehreren Stämmen organisiert, deren Zahl im Laufe der Zeit schwankte. Die Gesellschaft war in „Klassen“ unterteilt; die oberen Hierarchiestufen wurden von den Stammes- und Sippenhäuptlingen besetzt. Die P. praktizierten verschiedene Formen schamanischer Kulte mit animistischen und totemistischen Elementen. Nur kleinere Gruppen aus den pontokaspischen Steppen zeigten eine gewisse Empfänglichkeit für Christentum und Islam. Bei Übersiedlung auf das Territorium anderer Reiche, z. B. Ungarn wurden die P. zumeist christianisiert.“

Was anschließend mit ibn Fadlan passiert ist wissen wir auch nicht. Es wird aber angenommen dass er wieder nachhause in einem Stück ankam.

Quellen

1 Ibn Fadlan: An Arab Among the Vikings of Russia
https://www.encyclopedia.com/science/encyclopedias-almanacs-transcripts-and-maps/ibn-fadlan-arab-among-vikings-russia

2 Buch: Mission to the Volga (übersetzt ins Englische von James E. Montgomery)
Verlag: Library fo Arabic Literature
Seitenanzahl: 138
ISBN: 978-1-4798-9989-0
(In dem Buch ist nicht nur der Bericht von Ibn Fadlan enthalten, sondern auch die Zitierung von Yaqut, daher kann ich es nur empfehlen – es ist faszinierend)

3 Ibn Fadlān’s Account of Scandinavian Merchants on the Volga in 922
(University of Illinois, PDF file, 11 pages in total)
https://www.jstor.org/stable/pdf/27702690.pdf

4 Yaqut al-Hamawi
https://en-academic.com/dic.nsf/enwiki/381301

Die Petschenegen (Alpen Adria Universität Klagenfurt)
https://eeo.aau.at/eeo.aau.at/index060f.html?title=Petschenegen


𐤂: Ssuma Ch’ien (Sima Qian)

Sima Qian in Tusche und Farbe auf Seide; National Palace Museum in Taipei, Taiwan
(Quelle: Britannica)

Geboren: ca. 145 v. Chr.
Gestorben: ca. 87 v. Chr.
Beschäftigung: Astronom, Kalenderexperte und (China’s erster großer) Historiker

Sim Qian war der Sohn von Sima Tan der am Han Hof (140-110 v. Chr.) als Historiker (manchmal auch als Königlicher Astronom übersetzt) gedient hat. Der Historiker war verantwortlich für astronomische Beobachtungen und die Regelung des Kalender mit den Pflichten tägliche staatliche Ereignisse und Hofzeremonien aufzuzeichnen.

Nachdem er viel auf Reisen war in seiner Jugend trat auch Sima Qian den Hofdienst an.
Im Jahr 111 begleitete er eine Militärexpedition in den Südwesten China’s, und im Jahre 110 war er Teil der Entourage des Wudi Kaisers als er den Berg Tai besuchte um eine Opferungen durchzuführen die die Autorität der Dynastie symbolisierte. Im selben Jahr starb sein Vater Sima Tan. Nach der verpflichtenden Trauerzeit wurde er im Jahr 108 als Nachfolger für den Posten des Historikers ernannt.

Der Berg Tai ist der berühmteste heilige Berg in China; er wurde in den letzten drei Jahrtausenden durchgehend verehrt.
Dieser erstreckt sich auf 25.000 Hektar und ist 1.545 meter hoch. Er war Ort des kaiserlichen Kultes für
rund 2.000 Jahre. (Quelle: UNESCO World Heritage Convention)

Im Jahr 105 war er einer der Verantwortlichen für die komplette Reformierung des chinesischen Kalender. Die Reform geht auf die Initiative des Kaisers Wudi zurück der bei seinem Amtsantritt einen „neuen Anfang“ für die Han Dynastie darstellen sollte1.

Sim Qian’s größtes Werk sollte jedoch die Vollendung des Plans von seinem Vater werden:
das zusammenstellen und schreiben einer umfassenden Geschichte Chinas von den prähistorischen Anfängen bis zum Ende der Herrschaft von Han Wudi im Jahre 87 v. Chr.
Die Aufzeichnungen des Chronisten beanspruchten die letzen zwölf (12) Jahre seines Lebens (somit begann seine Arbeit ca. im Jahr 99 v. Chr.).

Auszug aus Antike Global – Die Welt von 1000 v. Chr. bis 300 n. Chr. (Kapitel 6, S. 135)
„Die Aufzeichnungen des Chronisten sind ein komplexes Werk, das nicht nur eine chronologische Darstellung von Ereignissen enthält, sondern auch Biographien berühmter Persönlichkeiten der Vergangenheit, Geschichten wichtiger Familien und Essays über verschiedene Aspekte des chinesischen Lebens, die vom Kalender bis zu den Kanälen reichen, während gleichzeitig argumentiert wird, dass Han Wudi und seine Han-Vorgänger Teil einer kontinuierlichen Linie von Herrschern Chinas waren, die bis zu den Anfängen der Geschichte des Landes zurückreicht.
Sima Qians großes Werk war das Vorbild für die Serie von 24 dynastischen Historien, die sich von der Antike bis ins 17. Jahrhundert erstrecken und China zum am gründlichsten dokumentieren aller archaischen Reiche gemacht haben.“

Doch es ist auch mehr als eine Geschichte Chinas, wie Stanley M. Burstein ausführt:
„Wie sein älterer griechischer Zeitgenosse Polybios schrieb Sima Qian eine Geschichte der bekannten Welt. So ermöglichen uns ihre Werke und die ihrer Nachfolger heute, die Entstehung einer neuen Ordnung in Afro-Eurasien nach dem Zusammenbruch des hellenistischen Staatensystems nachzuzeichnen, das durch die beiden Reiche Rom im Westen und China im Osten verankert war, zwei Staaten, die zusammen fast 100 Millionen Menschen umfassten, etwa die Hälfte der damaligen Bevölkerung.“ (S. 135)2

Mehr über Sima Qian in den Quellen unten (wie er z. B. einst in Ungnade des Kaisers fiel und entweder sich für Tod oder Kastration entscheiden musste), das zitierte Buch behandelt die globale antike Welt insgesamt – wie der Titel schon preisgiebt.

Schreiber (shi 史) als Autoritäten in der Rezeption des Shiji *
Teil I: Aufzeichnungen zu Schreibern des Altertums
(Autorin: PD Dr. Dorothee Schaab-Hanke, Universität Bamberg)
Auf der Suche nach dem Volltext des Shiji (wie die Aufzeichnungen des Chronisten im Originalen heißen) bin ich auf diese sehr lesenswerte Studie gestoßen.

Wussten Sie, dass Shiji nicht der ursprüngliche Name war?
„Der Name, der am Ende des Werks selbst als Bezeichnung genannt wird, lautet Taishi gong shu 太史公書 (Schrift des Herrn Obersten Schreibers). Siehe Shiji 130/3319:15. […] Zwar kommt die Bezeichnung „shi ji 史記“ im Werk mehrmals vor, jedoch ausschließlich im Sinne von „Aufzeichnungen“ (früherer) Schreiber“. Siehe Shiji 14/509:12, 510:1, 686:9,10; 27/1350:3, 36/1580:5; 39/1668:12, 47/1943:12; 63/2142:10; 121/3115:10; 130/3295:12, 3296:3.“ (Fußnote 1 auf S. 1)
Der Name wurde erst im Nachhinein gegeben.

Die Wichtigkeit des Schreibers ergibt sich in der Geschichte „Drei Schreiber von Qi verzeichnen Cui Zhu als Fürstenmörder in den Annalen“ (S. 14-15)

In der Geschichte des Erbhauses von Qi erfährt man unter dem Jahr 548, daß Cui Zhu 崔杼, der starke Mann in Qi, den Herrscher von Qi, Herzog Zhuang 莊公 (Reg.: 553–548), den er kurz zuvor erst selbst auf den Thron gesetzt hatte, in seinem eigenen Haus umbrachte, nachdem er ihn dort bei einem Stelldichein mit Cui Zhus Frau erwischt und in die Enge getrieben hatte.39* Daraufhin macht Yanzi 晏子, der Berater des Herzogs Zhuang, Cui Zhu schwerste Vorwürfe wegen seines illoyalen Benehmens gegenüber sei-
nem Fürsten. Zwar unternimmt Cui Zhu keine Schritte gegen Yanzi, doch versucht er in der Folge mit allen Mitteln zu verhindern, daß er selbst als Fürstenmörder in die Annalen von Qi eingeht:

齊太史書曰「崔杼弒莊公」,崔杼殺之。其弟復書,崔杼復殺之。少弟復書,
崔杼乃舍之。
Der oberste Schreiber von Qi schrieb nieder: „Cui Zhu ermordete Herzog
Zhuang.“ Cui Zhu ließ ihn [i.e. den Schreiber) (daraufhin) ermorden. Dessen
jüngerer Bruder verzeichnete es [i.e. den Fürstenmord] ebenfalls. Cui Zhu ließ
auch ihn ermorden. Der jüngste Bruder verzeichnete (es) ebenfalls. Da ließ ihn
Cui Zhu gewähren. 40*

Abgesehen davon, daß aus diesem Passus hervorgeht, daß das Schreiberamt offenbar bereits in der Mitte des 7. Jh. ein erbliches Amt war, das von Mitgliedern einer Familie sukzessive ausgeübt wurde, wird hier eindrucksvoll der Ernst und die Unbeirrbarkeit betont, mit der Schreiber die Aufgabe des Verzeichnens wichtiger Staatsereignisse wahrnahmen. Die Wahrheit über den Tatbestand, daß Cui Zhu einen Fürstenmord begangen hatte, für zukünftige Generationen festzuhalten wurde höher eingestuft als die Bewahrung des eigenen Lebens.

(Quelle: https://www.schaab-hanke.de/publikationen/Schaab-Hanke_ZDMG_157.1_2007_Aufzeichnungen_zu_Schreibern_des_Altertums.pdf)
*Die Fußnoten wurden beibehalten, da die Zweite eine längere Erläuterung enthält.

Zuerst habe ich gedacht, dass keine Vollversion gebe – bis mir der Einfall „Warum nicht mit dem Originaltitel suchen?“ kam. Und siehe da, es hat funktioniert. Englischkenntnisse vorausgesetzt: https://ctext.org/shiji (source: Chinese Text Project)
Noch ist aber nicht alles ins Englische übersetzt, so wie es aussieht das meiste noch nicht.
Dennoch ein Dank an Wikiwand für diese Quelle.

Quellen

1 Sima Qian – Chinese historian and scientist
https://www.britannica.com/biography/Sima-Qian

2 Buch: Antike Global – Die Welt von 1000 v. Chr. bis 300 n. Chr.
Verlag: wbg Theiss
Autor: Stanley M. Burstein
Seitenanzahl: 208
ISBN: 978-3-8062-4448-9
(Falls Sie Interesse an der Antike haben, dann ist dieses Buch vielleicht auch für Sie interessant da es sich über ein weites Gebiet spannt und auch zahlreiche interessante historische Persönlichkeiten enthält die unsere Menschheitsgeschichte geprägt haben.)

Mount Taishan – UNESCO World Heritage Convention
https://whc.unesco.org/en/list/437/

Schreiber (shi 史) als Autoritäten in der Rezeption des Shiji *
Teil I: Aufzeichnungen zu Schreibern des Altertums (28 Seiten)
https://www.schaab-hanke.de/publikationen/Schaab-Hanke_ZDMG_157.1_2007_Aufzeichnungen_zu_Schreibern_des_Altertums.pdf

Shiji
https://www.wikiwand.com/de/Shiji

Shiji – Chinese Text Project
https://ctext.org/shiji

PD Dr. Dorothee Schaab-Hanke – Universität Bamberg
https://www.uni-bamberg.de/hist-ng/personen/pd-dr-dorothee-schaab-hanke/


𐤃: Moses Mendelssohn

Porträt von Moses Mendelssohn von Anton Graff (1771)
(Quelle: Wikipedia)

Geburt: 6. September 1729 in Dessau
Gestorben: 4. Januar 1786 in Berlin
Beschäftigung: Philosoph, beruflich Buchhalter, kurzzeitig Hauslehrer

Die folgende Chronik stützt sich auf die von dem Buch „Moses Mendelssohn – Freunde, Feinde & Familie“1, herausgegeben vom Hentrich & Hentrich Verlag (Details dazu wieder am Ende bei den Quellen), daher ist sie auch sehr Detailreich. Es ist ein Begleitbuch zur eine wichtigen Ausstellung die vom Centrum Judaicum am 25. November 2012 eröffnet wurde (zum Zeitpunkt als dieser Artikel geschrieben wurde fand noch eine weitere statt: „Wir träumten von nichts anderes als Aufklärung“ – Moses Mendelssohn, 14. April bis 11. September 2022, jüdisches Museum Berlin) und bis zum 7. April 2013 geöffnet war.

Grund für die Verspätung des Begleitbuchs, S. 8 (Auszug aus dem Vorwort) das im Jahr 2014 publiziert wurde (1. Auflage).
„Zu Recht kritisiert wurde die Tatsache, dass zur Eröffnung kein Begleitbuch erschien. Dies war uns aus finanziellen Gründen einfach nicht möglich. Umso dankbarer sind wir, dass wir nun endlich eine Publikation zu und über die Ausstellung >>Moses Mendelssohn – Freunde, Feinde und Familie<< vorlegen können.“

Hermann Simon, der Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin-Centrum Judaicum bedankte sich dann bei Prof. Dr. Julius H. Shoeps (Vorstand Moses Mendelssohn-Stiftung) und Dr. med. Gerd Mohnfeld (der dazu beitrug, dass die Publikation wesentlich von dem „Altherrenverband Alsatia Leipzig Thuringia München im BC“ unterstützt wurde).

Leben und Werk des Moses Mendelssohn – 1729-1786

1729
Mendelssohn wird in Dessau am 6. September geboren. Sein Vater, Menachem Mendel Chaim, ist Thoraschreiber und seine Mutter heißt Rachel Sarah Wahl.

1743
David Fränkel, der Lehrer des 13-jährigen Mendelssohn, zieht nach Berlin da er zum Oberrabiner berufen wurde – sein Schüler folgt ihn nach Berlin. Dort macht er Bekanntschaft mit Israel Zamosz und Aron Gumpertz, auch Beginn weltlicher Studien und Erlernen von Fremdsprachen.

1750
Mit 20 Jahren wird er Hauslehrer beim Seidenhändler Isaak Bernhard.

1754
In der 1752 von Bernhard gegründeten Seidemanufaktur wird er Buchhalter, damit erhält er auch ein Aufenthaltsrecht in Berlin. Seine Freundschaft mit Lessing und Nicolai beginnt.
In der „Theatralischen Bibliothek“* veröffentlicht Lessin Mendelssohns Erwiderung auf die Kritik des Göttinger Orientalisten Michaelis von Lessings Drama „Die Juden“**.

*Die Theatralische Bibliothek ist wohl eine Buchreihe von Gotthold Ephraim Lessing.
Das Münchener Digitalisierungszentrum hat sie in der Digitalen Bibliothek:
https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10574230?page=5

**In dieser Theatralischen Bibliothek ist der Inhalt auf S. 18 zu finden.
Kapitel VI. ist die Erwiderung mit dem Titel: „Über das Luftspiel die Juden im 4ten Theile der Lesingschen Schriften“ (insgesamt hat der Scan 306 Seiten)

1755
Mendelssohns erste Schriften „Philosophische Gespräche“ und „Über die Empfindungen“ erscheinen anonym in Berlin, er wird Mitglied des „Gelehrten Kaffeehauses“ und Gast im exklusiven „Montagsclub“ durch Mitarbeit an Lessing’s Werk „Pope, ein Metaphysiker!“.

1756
Die Mutter von Mendelssohn – Rachel Sarah – stirbt.
Anonym veröffentlicht er „Gedanken über die Wahrscheinlichkeit“ welche eine Übersetzung von Rousseaus „Von dem Ursprung der Ungleichheit“ sowie die Übertragung der „Elegie an die Burg Zion“ von Jehuda Halevi ist.

1757
Mitarbeit an Nicolais „Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste“.
Anlässlich des Sieges bei Leuthen verfasst Mendelssohn die in der Synagoge verlesene Dankespredigt.

Die Schlacht bei Leuthen (Quelle: rbb – Preußen Chronik)2
„Am 5.12.1757 findet bei Leuthen die wohl legendärste Schlacht der Schlesischen Kriege statt. Hier siegt die preußische Armee gegen eine österreichische Übermacht mit Hilfe taktischer Finten, der sogenannten schiefen Schlachtordnung, mit Gottvertrauen und Pflichtgefühl. Der Sieg der 35.000 Preußen gegen 65.000 Österreicher wird zum Zentrum des Mythos von der Unbesiegbarkeit des preußischen Heeres. Die Verluste sind auf beiden seiten hoch. 3000 Tote und 7000 Verwundete auf österreichischer Seite und und über 1000 Tote und mehr als 6000 Verwundete auf preußischer Seite.“
Überreste des Denkmals das im Jahr 1854 erbaut und im Jahr 1945 abgerissen wurde
(Quelle: Wikipedia)

1758
Mendelssohn gibt die hebräische Zeitschrift „Kohelet Mussar“* (Der Moralprediger) heraus.
Im selben Jahr erfolgt die Übersetzung des Hamlet-Monologs (3. Akt, 1. Szene).

*Laut der Website Encyclopedia sind nur zwei Ausgaben erschienen mit jeweils 6 Kapiteln und 4 Seiten lang. Bis zum Ersten Weltkrieg seien nur 3 Kopien von der 1. Ausgabe erhalten geblieben (eine davon im Britischen Museum) und nur 1 Kopie von der
2. Ausgabe in der Leipziger Universitätsbibliothek.
https://www.encyclopedia.com/religion/encyclopedias-almanacs-transcripts-and-maps/koheleth-mussar
Das Center for Jewish History scheint das Kohelet Mussar als Digitalphotokopie zu haben, leider trat bei mir immer wieder eine Fehlermeldung auf:
https://archives.cjh.org/repositories/5/archival_objects/686334

1759
Mendelssohn gründet zusammen mit Lessing und Nicolai die Zeitschrift „Briefe die neueste Literatur betreffend“*.

*Die Zeitschrift erschien wöchentlich von 1759 bis 1765. Insgesamt umfasst die Publikationen 333 Briefe die in 23 Teilen erschienen ist, der 24. Teil schloss sie als Register ab. Auch aufzufinden in der Deutschen Digitalen Bibliothek:
https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/searchresults?isThumbnailFiltered=true&query=Briefe%2C+die+neueste+Literatur+betreffend

1760
Mendelssohn rezensiert in den „Literaturbriefen“ die „Poésies diverses“ Friedrichs II.

1761
Verlobung mit Fromet Gugenheim.
Erste nachweisliche Verwendung des Namens Mendelssohn.
Beginn der Freundschaft mit Thomas Abbt (1738-1766).
In der Bernhardschen Manufaktur wird er zum Geschäftsführer befördert.

1762
Mendelssohn heiratet Fromet Gugenheim (Jahrgang 1737) am 22. Juni.

1763
Für seine Abhandlung „Über die Evidenz in metaphysischen Wissenschaften“ erhält Moses Mendelssohn den Ersten Preis der Berliner Akademie – der Zweite Preis geht an Immanuel Kant. Vom Friedrich II. wird ihm das Privileg eines außerordentlichen Schutzjuden verliehen, aber „nur für seine Person“ – nicht für seine Familie.
Im Mai desselben Jahres wird seine Tochter Sarah geboren, im April 1764 stirbt sie.

1650-1815: Territorialstaat und Schutzjudentum (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung)3
„Die für die Entwicklung der Juden in Deutschland wichtigste Judenordnung erließ 1750 der preußische König Friedrich II. (Reg.: 1740-1786). Diese Ordnung privilegierte die Mitglieder der Judenschaft je nach ihrer ökonomischen Stellung unterschiedlich und differenzierte sie damit sozial. Dabei ging es dem König primär darum, die reichen Juden als Fabrik- und Manufakturbesitzer zu fördern, die ärmeren aber möglichst aus seinem Land zu verdrängen.“ Hierzu wurden sie in fünf Gruppen unterteilt:

1. Gruppe: die Generalprivilegierten, das waren Bankiers, Münzstättenverwalter oder aber Manufakturisten für die wirtschaftliche Entwicklung größten Nutzen hatten.
2. Gruppe: die ordentlichen Schutzjuden, deren erstgeborene wurden ebenfalls vergeleitet (erhielten einen Geleitbrief zu ihrem Schutz). Der älteste Sohn erhielt somit das Recht, im Land zu leben, während der Zweitgeborene für diesen Status hohe Summen und Sonderabgaben zahlen mussten.
3. Gruppe: die außerordentlichen Schutzjuden, deren Kinder wurden in der Regel nicht vergeleitet weshalb sie ab der Volljährigkeit das Land verlassen mussten.
4. Gruppe: die Bediensteten, eine nicht genau bestimmbare soziale Gruppe zu der auch Moses Mendelssohn gehörte (häufig nichtverleitete Familienmitglieder oder Arbeiter in einflussreichen ökonomischen Positionen. „Als einer der führenden Philosophen in Preußen war er hauptberuflich als Prokurist in der Seidenmanufaktur des Isaak Bernhard in Berlin beschäftigt und gehörte gleichsam zu dessen Familie. Mendelssohn und seine Frau wurde das außerordentliche Schutzjudenprivileg nur auf Fürsprache anderer Gelehrter in Anerkennung seiner Gelehrsamkeit verliehen.
5. Gruppe: Arme/Verarmte bildeten die unterste Schicht in diesem System; von den jüdischen Gemeinden mitgetragen, häufig aber ausgewiesen wurden und sich dann den herumziehenden Bettlerscharen angeschlossen haben. Nicht selten glitten sie dabei ins kriminelle Millieu ab.

1764
Im Oktober Geburt der Tochter Brendel (Dorothea).

1765
Arbeit am „Phaedon“, Fertigstellung des hebräischen Kommentars zu Maimonides‘ „Führer der Verirrten“.

1766
>>Das traurige Jahr<<
Der erste Sohn names Chaim wird geboren, stirbt jedoch sechs Wochen später.
Tod des Vaters und Schwiegervaters.
Tod des Freundes Abbt.
Schwere Erkrankung von Fromet.

1767
Veröffentlichung des Buches „Phaedon oder Über die Unsterblichkeit der Seele“*.
Im Juli Geburt der Tochter Recha.

*Das Werk zum nachlesen:
https://www.projekt-gutenberg.org/mendelss/phaedon/phaedon.html

1768
Tod von Isaak Bernhard.
Mendelssohn übernimmt die Geschäftsleitung.

1769
Im Januar wird sein Sohn Mendel Abraham geboren, der jedoch 6 Jahre im September 1775 verstirbt.
Mendelssohn Freund Aron Gumpertz (1723-1769) stirbt in diesem Jahr.

1770
Die Lavat-Affäre zieht immer weitere Kreise.
Erste Begegnung mit Marcus Herz.
Beginn der Psalmen-Übersetzung.
Im August Geburt des Sohnes Joseph.

1771
Im Februar wird Mendelssohn zum Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften gewählt. Jedoch verweigert Friedrich II. die Bestätigung was einer Ablehnung gleich kommt.
Im Frühjahr schwerer körperlicher Zusammenbruch.
Bekanntschaft mit David Friedländer.

1772
Mendelssohn tritt als Vermittler auf im „Bestattungsstreit“ von Mecklenburg-Schwerin.

1773-1774
Erste Kur im Bad Pyrmont, die Zweite Kur im Jahr darauf.
Dort Gespräche mit Herder, dem Grafenpaar Marie und Wilhelm von Schaumburg-Lippe sowie Elise Reimarus. Ein Jahr davor machte er bekanntschaft mit August Hennings.
Im Jahr 1774 beginnt er die Übersetzung des Pentateuchs samt dessen Kommentierung.

1775
Intervention Mendelssohns bei Lavater zugunsten der von Vertreibung bedrohten Schweizer Juden.
Seine Tochter Jente (Henriette) wird im August geboren.

1776
Reise nach Dresden, Wiedersehen mit August Hennings.
Im Dezember wurde sein Sohn Abraham geboren.

1777
Während des Sommers reist er nach Memel und Königsberg, dort begegnet er Immanuel Kant. Seine letzte Begegnung mit Lessing ist im Dezember in Wolfenbüttel.

1778
Gründung der „Jüdischen Freyschule“ (1778-1825) in Berlin.
Prospekt der Bibelübersetzung und Kommentierung mit ausgewählten Proben.
„Ritualgesetze der Juden“ wird veröffentlicht.
Seine Tochter Sisa wird im Juni geboren, Mitte September stirbt sie aber.

Hierzu: Die jüdische Freischule in Berlin – ihre Rolle im Spannungsfeld von
Tradition und Verbürgerlichung. Zwei Fallstudien
(Quelle: Menora 16 – Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte 2005/ 2006, Herausgeber: MMZ Potsdam)4
Das PDF-Dokument ist 12 Seiten lang und enthält folgende Fallstudien:
1. Lazarus Bendavid, Israel Jacobson und die Frage des Gesangsunterrichts.
Eine Kontroverse


Hier ein Vorgeschmack: „Jacobson, trotz seiner Seesener Reformschulinitiative sicher kein erfahrener Schulmann, wollte an der Freischule Gesangsunterricht eingeführt sehen. Mit unverminderter Intensität setzte er nach Ende seiner Amtstätigkeit im Westphälischen Konsistorium seine Bemühungen zur Reform des Ritus in Berlin fort. Nunmehr sollten auch hier deutschsprachige Predigt, Orgel und Gesang nach protestantischem Vorbild in die Synagoge Einzug halten – ein Vorhaben, das Jacobson mit anderen wohlhabenden liberalen Wortführern der Berlinischen Judenschaft teilte, die darin vorrangige Maßnahmen zur Modernisierung und Verbürgerlichung der jüdischen Gemeinde sahen. Man rechnete auf Bendavids Unterstützung.

Aber es gab hier einen Unterschied der Interessen. Bendavid machte Vorbehalte gel-
tend, unter anderem mit Rücksicht auf Eltern von Freischülern, von denen er Wider-
stand erwartete gegen die Vernachlässigung der Tradition in der Synagoge. Zudem war
Gesangsunterricht an jüdischen Schulen keineswegs üblich,7 und für eine chronisch
unterfinanzierte Reformschule wie die Berlinische Freischule bestanden – nicht nur not-
gedrungen, sondern auch aus pädagogischer Überzeugung – aus seiner Sicht andere
Prioritäten.“ (S. 3)

2. Die Förderung der Freischule durch Mitglieder der preußischen Bildungsverwaltung
Auszug aus der zweiten Fallstudie:

„Es ist nicht übertrieben, zu behaupten, daß [Johann Wilhelm Heinrich] Nolte [ca. 1772–1830] der Freischule maßgeblich dazu verhalf, zum Ort der Akkumulation sozialen und kulturellen Kapitals, zu einem Ort der Verbürgerlichung heranwachsender Juden zu werden, die aus Berlin, vor allem aber aus den östlichen Provinzen stammten und in Berlin Aufklärung und Erwerb suchten.

Als kulturelles Kapital bezeichnet Bourdieu inkorporiertes Kulturkapital, das Produkt
familialer und schulischer Sozialisationsprozesse ist – dazu gehören Wissen und Kennt-
nisse, Fertigkeiten, Geschmack – und als Besitztum „zu einem festen Bestandteil der
́Person ́, zum Habitus“ wird.28 Daneben unterscheidet er objektivierte Formen kulturel-
len Kapitals wie Museen und Bibliotheken, und schließlich gehören zum kulturellen
Kapital institutionalisierte Formen wie das Bildungswesen mit seiner Aufgabe der kul-
turellen Reproduktion und Vermittlung, wobei eine besondere Aufgabe des Bildungs-
wesens darin besteht, Nobilitierungen zu vergeben, indem es erworbenes Wissen und
Habitus auf eine Weise auszeichnet, die den Zugang zu sozialen Positionen und zum
Erwerb ökonomischen Kapitals eröffnen.

Noltes wichtigster Beitrag zur Positionierung der Freischule als Ort der Akkumulation
sozialen und kulturellen Kapitals bestand darin, der Freischule zu einer zumindest halb-
offiziellen behördlichen Anerkennung als Bürgerschule zu verhelfen.29“ (S. 8)
https://www.ingridlohmann.de/Publik/Freischule_MENORA-16.pdf



1779
Erscheinung des „Lesebuch für Jüdische Kinder“.
Mendelssohn macht Bekanntschaft mit Salomon Maimon.

1780
Mendelssohn wird zu einem der Schatzmeister der Berliner Jüdischen Gemeinde gewählt.
In diesem Jahr beginnt auch seine Zusammenarbeit mit Christian Wilhelm von Dohm nach der Bitte um Hilfe seitens der Elsässer Juden.
Publizikation des ersten Bandes der Toraübersetzung unter dem Titel „Netivot Schalom“ (Friedenspfade) – auf Deutsch in hebräischen Buchstaben.

1781
Lessing stirbt im Februar.
Die „Jüdische Freyschule“ in Berlin wird geöffnet.
Der zweite und dritte Band der „Friedenspfade“ erscheint.
Dohms „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“ erscheint.
Nach dem Tod von Bernhards Witw wird Mendelssohn Mitinhaber der Seidenmanufaktur.

1782
Im ersten Monat des Jahres wird sein Sohn Nathan geboren.
In diesem Jahr erscheint auch der vierte Band der „Friedenspfade“.
Mendelssohn arbeitet zusammen mit Kammergerichtsrat Klein aufgrund der Neuformulierung des Judeneids im Rahmen des Preußischen Landrechts.
Vorrede zu Manasse ben Israels „Rettung der Juden“.

1783
„Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum“, die Psalmen-Übersetzung sowie der fünfte Band der „Friedenspfade“ erscheinen.
Mendelssohn macht Bekanntschaft mit Carl Philipp Moritz, erste Beiträge für das „Magazin zur Erfahrungsseelenkunde“.
Urauführung von „Nathan der Weise“ in Berlin.
Brendel und Simon Veit heiraten.

1784
„Über die Frage: Was heißt aufklären“ – Kant veröffentlicht die „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“.
Moses Mendelssohn wird zu einem Repräsentanten des Jüdischen Gemeinde gewählt – und zum Ehrenmitglied der „Mittwochgesellschaft“ („Gesellschaft der Freunde der Aufklärung“).

1785
Veröffentlichung: „Morgenstunden oder Vorlesungen über das Daseyn Gottes“*.
Beginn des „Spinozismus-Streits“: Ohne Zustimmung Mendelssohns veröffentlicht Jacobi seinen Briefwechsel mit ihm über den gegen Lessing erhobenen Vorwurf, das dieser ein Spinozist gewesen sei. Im Gegenzug antwortet Mendelssohn mit der Abhandlung „An die Freunde Lessings“, die er am 31. Dezember in Satz gibt, deren Veröffentlichung er nicht mehr erlebt.

*Die Vorlesungen können auf der Website Zeno nachgelesen werden:
http://www.zeno.org/Philosophie/M/Mendelssohn,+Moses/Morgenstunden+oder+Vorlesungen+%C3%BCber+das+Daseyn+Gottes

1786
Am 4. Januar stirbt Moses Mendelssohn. Er wird am Tag darauf dem Jüdischen Friedhof in der Großen Hamburger Straße beigesetzt.

Friedhof Große Hamburger Straße (Quelle: Jüdische Gemeinde zu Berlin)5
Der Friedhof wurde von 1672 bis 1827 genutzt und war Begräbnisplatz der 50 Familien von Wiener Schutzjuden die 1671 nach Berlin kamen und vor dem Spandauer Tor angesiedelt wurden. Als er geschlossen wurde, hatte er 2767 Grabstätten.
Bedeutende Persönlichkeiten des Berliner Judentums wurden hier auch bestattet:

„Moses Mendelssohn (1729-1786), Veitel Heine Ephraim (1703-1775), dem Münz- und Silberkaufmann Daniel Itzig (1725-1799) und seinem Sohn Isaac Daniel Itzig (1750-1806), dem Arzt und Philosophen Marcus Herz (1747-1803) oder Jacob Herz Beer (1769-1825), dem Vater von Giacomo Meyerbeer.“

Seit 1844 befand sich davor das erste jüdische Altersheim und links daneben die Knabenvolksschule. Ab 1942 wurde es als »Judenlager« von der Gestapo genutzt und in ein Gefängnis mit Gittern und Scheinwerfern umgewandelt.
Im Jahr 1943 verwüsteten und verschändeten SS-Leute auf Befehl der Gestapo den alten jüdischen Friedhof. Schließlich, im April 1945, diente das Areal als Massengrab für gefallene Soldaten und im Bombenhagel getötete Zivilisten.
In den 1970ern wurde die übrig gebliebenen jüdischen Grabsteine und die für die Bombenopfer aufgestellten Holzkreuze von dem Ost-Berliner Stadtgartenamt beseitigt.

„Zur Erinnerung an die tragischen Geschehnisse blieben ein symbolisches Grabmal für Moses Mendelssohn und ein Sarkophag aus zerstörten Grabsteinen. Vermutlich 3000 Kriegopfer – davon sind etwa 2000 namentlich bekannt – ruhen nun neben geschätzten 3000 hier bestatteten jüdischen Verstorbenen.“
Das symbolische Grab von Moses Mendelssohn

Quellen

1Buch: Moses Mendelssohn – Freunde, Feinde & Familie
Verlag: Hentrich & Hentrich
Herausgeberin: Eva-Maria Thimme
Seitenanzahl: 103
ISBN: 978-3-95565-038-4
(Ich war zwar nicht auf der Ausstellung, doch das Buch eignet sich auch so wunderbar um ein Bild von Moses Mendelssohn zu bekommen. Einige Stellen sind auch ins Englische vom Deutschen übersetzt, direkt nebeneinander wie in einem Museum)

2Leuthen 1757
https://www.preussenchronik.de/schauplatz_jsp/key=schauplatz_leuthen.html

31650-1815: Territorialstaat und Schutzjudentum
https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/7666/1650-1815-territorialstaat-und-schutzjudentum/

4Die jüdische Freischule in Berlin – ihre Rolle im Spannungsfeld von Tradition und Verbürgerlichung. Zwei Fallstudien (von Ingrid Lohmann)
https://www.ingridlohmann.de/Publik/Freischule_MENORA-16.pdf

5Friedhof Große Hamburger Straße
http://www.jg-berlin.org/judentum/friedhoefe/grosse-hamburger-strasse.html

Nachlese Links (bereits in der Chronik enthalten):

Lessing, Gotthold Ephraim: Gotth. Ephr. Leßings Theatralische Bibliothek. 1
https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10574230?page=5

Koheleth Mussar
https://www.encyclopedia.com/religion/encyclopedias-almanacs-transcripts-and-maps/koheleth-mussar

Kohelet Mussar, [unknown] – Ordner nicht abrufbar (?)
https://archives.cjh.org/repositories/5/archival_objects/686334

Briefe, die neueste Literatur betreffend
https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/searchresults?isThumbnailFiltered=true&query=Briefe%2C+die+neueste+Literatur+betreffend

Moses Mendelssohn: Phaedon oder über die Unsterblichkeit der Seele in drey Gesprächen
https://www.projekt-gutenberg.org/mendelss/phaedon/phaedon.html

Moses Mendelssohn: Morgenstunden oder Vorlesungen über das Daseyn Gottes (1. Theil)
http://www.zeno.org/Philosophie/M/Mendelssohn,+Moses/Morgenstunden+oder+Vorlesungen+%C3%BCber+das+Daseyn+Gottes

Jüdisches Museum Berlin
https://www.jmberlin.de/feature-moses-mendelssohn



Veröffentlicht von thomasbaroque

Ich schreibe über politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Themen. Meine eigenen politischen Ziele ebenso. / I write about politics, the economy and science (my English isn't that good, though). My own political goals and ideas as well.

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