Der Überfall auf Polen und der Aufstand im Warschauer Ghetto

Am heutigen Tage, vor 79 Jahren, jährt sich der Aufstand im Warschauer Ghetto. Trotz schlechter Bewaffnung schaffte es die jüdische Bevölkerung Polens fast vier Wochen Widerstand gegen die deutschen Besatzer zu leisten. Die SS erklärt am 16. Mai 1943 das Ghetto für aufgelöst.

2. Ehrenmal das am 19. April 1948 enthüllt wurde
(Quelle: Wikiwand)

Der Überfall auf Polen und Einmarsch in Warschau

Am 1. September 1939 überfiel Deutschland Polen. Der von der SS inszenierte Überfall auf den Rundfunksender Gleiwitz durch polnische Soldaten, im heutigen Gliwice, wurde als Vorwand benutzt. Nachdem Einmarsch der Wehrmacht in Polen stellten Großbritannien und Frankreich dem dritten Reich das Ultimatum innerhalb von zwei Tagen die Truppen zurückzuziehen. Hitler ignorierte dieses Ultimatum was zum Kriegseintritt beider Länder führte, jedoch erfolgten nur minimale militärische Handlungen die Polen nicht wirklich entlasteten.

Am 17. September brach der polnische Widerstand zusammen sowie der polnische Staat.
Die Sowjetunion besetzt Teile Ostpolens, wie es in einem geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts vereinbart wurde (August 1939).
Am 22. September durchbrach die 8. Armee unter Johannes Blaskowitz (1883 –
1948) die von drei polnischen Divisionen gehaltenen Verbindung Warschau-Modlin.
Am 25. September begann der Angriff auf die Hauptstadt in der sich 120.000 Soldaten aufhielten. Hierbei setzte die Luftwaffe 1.200 Maschinen ein; Ziele die schwer zu treffen waren wurden mit Brandbomben zerstört.
Am 26. September begann die Artillerie auf das brennende Warschau zu schießen. Zur gleichen Zeit rückte die Infanterie vom Nordwesten her in die Stadt vor.
Am 27. September erklärte der Kommandant der Stadt – General Juliusz Rómmel
(1881 – 1967) – aufgrund der hohen Verluste, auch unter Zivilisten mit 26.000 Toten, die bedingungslose Kapitulation der Stadt.
Am 2. Oktober, in Anwesenheit Adolf Hitlers, erfolgt der Einmarsch der Wehrmacht in die polnische Hauptstadt.

Die letzten polnischen Truppen kapitulierten am 6. Oktober 1939 womit auch der Polenfeldzug endet. Polen erlitt den Tod von 120.000 polnischen Soldaten, 917.000 Soldaten mussten in die Kriegsgefangenschaft.
Deutschland verlor rund 10.600 Soldaten. Mit dem Fall Polens entstandt auch das Generalgouvernement unter der Leitung Hans Frank (23. Mai 1900 – 16. Oktober 1946).
In den darauf folgenden Jahren ereignete sich ein verheerendes Ausmaß an Plünderungen und Terror.

Die zerstörte Stadt Warschau, Januar 1945
(Bild: Wikipedia)

Besetzung und Ghettos

In Polen lebte vor Kriegsbeginn die größte jüdische Gemeinde Europas mit 380.000 Menschen, sie machte damit 1/3tel der Bevölkerung Warschaus aus.
Die deutschen Besatzer begannen unmittelbar nach der Besetzung die jüdischen Einwohner zu terrorisieren, z. B. durch die Kennzeichnungspflicht (tragen eines Armbands), starke Einschränkung der Bewegungsfreiheit und willkürliche Beschlagnahmung von Eigentum. Dazu kamen die gewalttätigen Übergriffe von SS und Polizeieinheiten.

Insgesamt wurden mehr als 1.000 Ghettos in den von Deutschen besetzten Gebiete errichtet, allein über 600 davon in Polen. Jene Ghettos dienten als Vorstufe zu den Vernichtungslagern, eine Mehrheit der Juden und Jüdinnen die im Holocaust ermordet worden sind mussten davor einen Teil ihres Lebens in diesen Ghettos verbringen. Wie in den Konzentrationslagern wurden die Menschen hier interniert und ausgebeutet. Massaker wurden ebenfalls verübt. Diejenigen die dort verblieben wurden schließlich nach und nach in die Vernichtungslager transportiert in denen sie emordert worden sind.

Das Warschauer Ghetto

  • November 1939
    Deutsche Militärbefehlshaber erklären einen Teil der überwiegend jüdischen Altstadt zum „Seuchensperrgebiet“
  • November 1940
    Ab jetzt waren über 400.000 Menschen auf engsten Raum zusammengepfercht und vom Rest der Stadt abgeschlossen. Nicht nur die jüdische Bevölkerung Warschaus wurde hier untergebracht, sondern auch Menschen aus anderen Gebieten Polens und aus Deutschland. Nichtjüdische Bewohner des Stadtbezirks mussten unter Zwang ihre Häuser verlasssen.
Das Warschauer Ghetto
(Quelle: Geo)

Eine 3 meter hohe und 18 Km lange Mauer wurde um das Ghetto errichtet. Die internierten mussten Zwangsarbeit in Betrieben leisten. Durch das schmuggeln von Waren über die Mauer versuchten die Bewohner die mangelnde Versorgung von Lebensmitteln zu verbessern – für viele die einzige Möglichkeit zum Überleben.

  • Juli 1942
    Die ersten Deportationen in das Vernichtungslager Treblinka beginnen.
    Zuvor starben schon ca. 100.000 Menschen aufgrund von Terror, Hunger und Epidemien (60.000 sterben bis Ende 1942 an Tuberkulose und Typhus). Der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, gab den Befehl zur Deportation (zusammen mit Reinhard Heydrich gilt er als Hauptarchitekt des Holocausts, Himmler war es auch der die SS ab 1925 organisierte und später mit Heydrich aufbaute – der SD (Sicherheitsdienst) gehörte dazu). Bis Ende 1942 wurden die meisten aus dem Warschauer Ghetto deportiert und ermordet.

Der Aufstand

Jüdische Widerstandsorganisationen entschieden sich nach den Deportationen von 280.000 Ghettobewohnern zwischen Juli und September 1942 sich gegen die Auflösung des Ghettos (und damit verbundene Deportation) zu wehren.
Sie vereinigten sich unter den Namen Żydowska Organizacja Bojowa (dt.: Jüdische Kampforganisation) und hatte zum Zeitpunkt ihres Zusammenschlusses 750 Mitglieder.
Mithilfe von Kontakten zur polnischen Untergrund Armee wurden sie bewaffnet.

  • 18. Januar 1943
    Erfolgreiche Störung des Prozess der Sammlung und Deportation mehrerer tausend Menschen durch Widerstandskämpfer. „Drei Tage lang wehren sie sich. Die Deutschen töten fast 1200 Juden, verschleppen etwa 5000. Doch die Besatzer sind irritiert, dass sie auf Widerstand stoßen. Am 21. Januar ziehen sie sich zurück.“ (Quelle: Geo)
  • 21. Januar 1943
    Die deutschen Besatzer setzen die Deportationen bis auf weiteres aus.
    Der Erfolg bestärkt die Widerstandskämpfer. Mitglieder der Kampforganisation beginnen mit dem Bau unterirdischer Bunker und Verstecke, da sie die Deportation der restlichen Ghettobewohner fürchteten. Der Beginn dieser Deporationen war für den
    19. April geplant und sollte drei Tage dauern.
  • 19. April 1943
    SS-Einheiten marschieren in das Ghetto. Der Widerstand unter dem Kommandant Mordechaj Anielewicz beginnt. Am ersten Tag gelingt es die überraschten Deutschen bis vor die Ghettomauern zurückzudrängen.
  • 22. April 1943
    Die SS begann mit systematischer Niederbrennung und Sprengung von Gebäuden.
    Trotz der zahlenmäßigen Unterlegung – die Kampforganisation hatte 800 Kämpfer – hielt die restliche Bevölkerung des Ghettos den Widerstand für fast vier Wochen aufrecht.
  • 24. April 1943
    Jüdische Kämpfer legen ein Feuer in einer deutschen Uniformfabrik.
    Nach und nach werden alle deutschen Werkstätten und Lagerhäuser zerstört.
  • 8. Mai 1943
    Anielewicz und andere Widerstandskämpfer werden in einem Bunker in der Mila-Straße getötet.
  • 16. Mai 1943
    Zerstörung der Synagoge durch die SS, als symbolische Aktion durchgeführt.
    Leiter der Niederschlagungsaktion war SS-Brigadeführer Jürgen Stroop.
    56.000 wurden bis zu diesem Tag von SS- und Polizeieinheiten entweder getötet oder in Vernichtungslager transportiert.
    Nur wenige konnten fliehen (durch die Kanalisation) oder sich verstecken. Wie gefährlich ersteres war will ich anhand eines Auszuges aus dem Geo Artikel (aus dem auch die Karte des Ghettos stammt) zeigen: „Leise müssen sie sein, vorsichtig. Über vielen Ausstiegslöchern, oben, wo jetzt Nacht ist, stehen deutsche Posten. Hören die Wachen etwas, schießen sie in den Kanal, werfen Handgranaten, leiten Gas hinab. An manchen Stellen haben sie Sprengfallen installiert, anderswo die Deckel zugeschweißt. Keiner, der in die Unterwelt der Kanäle geflüchtet ist, soll entkommen, nicht einer überleben. […] Wer die Gänge nicht kennt, hat kaum eine Chance. Zahllose Verzweifelte haben es versucht und sind ertrunken, erstickt, verhungert, von den Deutschen aufgegriffen und erschossen worden.“
    Das Ghetto wird am diesen Tag aufgelöst.

Dieser Aufstand war nicht der einzige. Es gab auch Aufstände in Ghettos wie Bialystok und Minsk, auch in Lagern gab es Aufstände (z. B. Treblinka, Sobibor).

Der SS-Brigade General Jürgen Stroop (26. September 1895 – 6. März 1952) hat den Zweiten Weltkrieg überlebt. Nach einem 8-wöchigen Prozess in den Dachauer Prozessen wurde er zum Tod durch den Strang am 21. November 1947 verurteilt (Grund: Beteiligung an Ermordung alliierter Flieger). Das Urteil wurde jedoch nicht vollstreckt, stattdessen wurde er nach Polen ausgeliefert. Am 23. Juli 1951 kam der Gerichtsprozess der Volksrepublik Polen in dem er erneut zum Tode durch den Strang verurteilt wurde.
Schließlich, am 6. März 1952, wurde Stroop gegen 19:00 Uhr im Warschauer Gefängnis Mokótov hingerichtet.

Gedenken an den Aufstand

Ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde schon das erste Denkmal in den Trümmern des ehemaligen Ghettos errichtet. Ein zweites folgte im Jahr 1948 (Nahaufnahme am Anfang dieses Eintrags), vor diesem ‚Denkmahl der Helden des Ghettos‘ entstandt auch am 7. Dezember 1970 das berühmte Foto des Kniefalls von Willy Brandt.
Dies war nicht nur eine Geste der Demut und Bittung um Vergebung für die Millionen Opfer der Nationalsozialisten in Polen, sondern gilt im Rückblick auch als der Beginn einer Neuausrichtung der Ostpolitik die eine Entspannung im Ost-West-Konflikt einleiten sollte.

Kniefall von Willy Brandt am 7. Dezember 1970 in Warschau, Polen
(Quelle: bpb)

Quellen

Nahaufnahme des zweiten Ehrenmahls
https://www.wikiwand.com/de/Warschauer_Ghetto-Ehrenmal

Überfall auf Polen am 1.9.1939 – Beginn Zweiter Weltkrieg
https://www.lpb-bw.de/beginn-zweiter-weltkrieg

Johannes Blaskowitz 1883-1948
https://www.dhm.de/lemo/biografie/johannes-blaskowitz

Vor 75 Jahren: Aufstand im Warschauer Ghetto
https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/158334/vor-75-jahren-aufstand-im-warschauer-ghetto/

Aufstand der Todgeweihten: Eine Rekonstruktion der Ereignisse
https://www.geo.de/magazine/geo-epoche/5301-rtkl-aufstand-der-todgeweihten

Jürgen Stroop
https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Stroop

Veröffentlicht von thomasbaroque

Ich schreibe über politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Themen. Meine eigenen politischen Ziele ebenso. / I write about politics, the economy and science (my English isn't that good, though). My own political goals and ideas as well.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: