Der Weingartener Blutritt: Tradition im Wandel der Zeit

Jedes Jahr, an einem Freitag nach Christi Himmelfahrt, dem ‚Blutfreitag“, findet im oberschwäbischen Weingarten der Blutritt statt. Am 15. Mai fand er dieses Jahr statt.
In diesem Beitrag geht es zum einen um die Herkunft des Blutritts und dessen Bedeutung, und zum anderen will ich hier drei Erkenntnisse einer kultursoziologischen Untersuchung vorstellen die ich sehr interessant fand in Bezug auf die Teilnehmer/innen.

Dieses Gemälde zeigt den Blutritt in Weingarten um 1865.
(Bildquelle: Wikipedia)

Herkunft und Bedeutung der Tradition

Der Blutritt selbst entwickelte sich vermutlich erst im 15. Jahrhundert (also um 1400) herum, parallel zur Fußwallfahrt. Im Kern steht die Blutreliquie, der Tradition nach stammt sie vom Boden Golgathas der im Blut von Jesu getränkt wurde nach dem Lanzenstich des Longinus (ein römischer Centurio).

Im Jahr 1094 kam sie aus Mantua an das 1056 gegründete welfische Hauskloster.
(Mantua ist heute eine Stadt mit fast 50.000 Einwohnern in der Lombardei, Italien)
Somit hat diese Tradition eine über 500-jährige Geschichte in Weingarten.

Der Blutritt hat drei Schichten und geht über das fromme Ereignis heraus.
Doch beginnen wir mit dem frommen Brauch.

Als ein frommer, religiöser Gebrauch wurde der Blutritt kirchlich gefördert und weiterentwickelt. Immer dann, wenn das besondere Katholische herausgestellt werden sollte, erreichte der Blutritt seinen Höhepunkt mit üppiger Ausschmückung.

Dies war zuerst in der Barockzeit (ca. 1600-1730, es gibt den Früh-, Hoch- und Spätbarock) der Fall im Zeichen der Gegenreformation. Dort erhielt der Blutritt eine feste Form und Uniformen. Damals war die prachtvolle barocke Basilika neu gebaut (1715-1725) und nach Hans Ulrich Rudolf (*28. April, 1943) ließ sich diese „als eine Art Großreliquiar des Heiligen Bluts“ interpretieren.
Im 19. Jahrhundert erlebte der Blutritt seinen zweiten Aufschwung, weil sich Oberschwaben als ein gutes katholisches Land zeigen wollte mit deutlichen Unterschieden seiner Konfessionszugehörigkeit und den damit verbunden Frömmigkeit zu Württemberg.

Hier kommen wir zum zweiten Punkt: durch die napoleonische Neuordnung erhielt nämlich Württemberg die Region. Dadurch wurde der Blutritt zum Identifikationsereignis und -erlebnis: über die Neugliederung des Alten Reiches hinweg (das Heilige Römische Reich, 1806 aufgelöst nach Napoleons Eroberungsfeldzug) bekannte man sich zur Religion und Region.

Schließlich zur letzten und dritten Schicht: der Öschumritt.
es fußt auch auf den Brauch das umrittene Land von bösen Geistern, höllischen und schädlichen Einflüssen zu säubern. Laut Volkskunde soll der Schimmel das best geeignete Pferd dazu sein, da sich auf dessen weiße Haut alles Dunkle absetzen konnte.
An den vier Stationsaltären werden die Anfänge der vier Evangelien verlesen und in alle vier Himmelsrichtungen gegen Blitz, Hagel und Ungewitter gesegnet.

Die Vier Evangeliken
(Quelle: https://www.planet-wissen.de/kultur/religion/jesus_von_nazareth/die-vier-evangelien-100.html)
Matthäus-Evangelikum
80 n. Chr.
Nutzte das Markus-Evangelikum als Vorlage und einer Quelle Q die nicht mehr erhalten ist.
Er geht auf Jesus‘ Stammbaum ein und erzählt seine Kindheitsgeschichte.

Markus-Evangelikum
um 70 n. Chr.
Das Wirken Jesu steht hier im Vordergrund und damit steht im Zentrum dieser Schrift die Tod und Auferstehung von Jesus. Ein Großteil beschäftigt sich mit dem Leidensweg von Jesu, der so-genannten Passion.

Lukas-Evangelikum
um 80-90 n. Chr.
Die Geburt Jesus wird in allen Einzelheiten geschildert. Hier entstammt auch die Erzählung der Weihnachtsgeschichte wie wir sie kennen.

Johannes-Evangelikum
um 100 n. Chr.
Wird auch das „pneumatische“ Evangelium genannt, also Evangelium des Geistes, weil es im Vergleich zu den anderen den Heiligen Geist am häufigsten erwähnt.
Hier stehen Jesus‘ Belehrungen und Reflexionen im Vordergrund.
Die Jesusgeschichte beginnt mit der Taufe.

Neben diesen drei Schichten kamen aber nochmals zwei hinzu, auch wenn sie eher das Resultat aus dem Blutritt waren denn ein inhärenter Teil.

Der Blutritt wurde auch zum Ausdruck der sozialen Rangfolgen einer Agrargesellschaft:
nur wohlhabende Bauern konnten sich Pferde leisten. Er strahlte sein Selbstbewusstsein aus indem er seinem Herrgott zu Ross gegenübertrat, ganz vornehm mit Frack, Zylinder und weißen Handschuhen. Gleichzeitig präsentierte sich die Agrargesellschaft Oberschwabens als eine patriarchalische Gesellschaft: Frauen waren vom Blutritt ausgeschlossen (erst 2021 änderte sich dies), es sei denn sie haben sich als Männer verkleidet.

Zuletzt kommt noch der Tourismus-Aspekt, da der Blutritt sich einem hohen Zulauf erfreut und auch von den Medien aufmerksam verfolgt wird. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte Oberschwaben auch eine große Zuwanderung, auch von Protestanten. Deshalb zählen Konfessionsunterschiede nicht mehr so wie früher.
Auch ich bin mütterlicherseits nach Oberschwaben gekommen, meine Ur-Oma und Oma kamen aus Königsberg in Ostpreußen (bzw. nach einiger Zeit, es begann mit der Flucht).

Der Blutritt ist also ein fester Bestandteil oberschwäbischer Identität.
Dieses Jahr haben sich rund 1.800 Reiter und Reiterinnen daran beteiligt und tausende von Pilger. 95 Blutreitergruppen aus der Region Bodensee-Oberschwaben. Begleitet wurden der Blutritt von der Stadtkapelle Weingarten. Bis auf einem Fehlalarm über einen Gasaustritt gab es keine Zwischenfälle und das Ereignis verlief sehr friedlich ab.

Klaus Krämer, der neue Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, erlebte den Blutritt in Weingarten zum ersten mal. Für ihn war die positive Stimmung überwältigend.
Laut dem SWR hoffe er auch, dass vom Blutritt aus ein positiver Impuls für Kirche und Gesellschaft ausgehe. Doch es gab noch andere Prominenz beim Blutritt:
der neue Innenminister Baden-Württembergs, Manuel Hagel (CDU), ritt mit seiner Blutreitergruppe aus Kirchbierlingen (Alb-Donau-Kreis) mit. Für ihn sei der Blutritt ein Hochfest des Glaubens und auch familiäre Tradition, da schon sein Großvater Blutreiter gewesen ist und er als Kind an der Prozession teilnahm.
Reliquienträger war Pater Pirmin Meyer, er sprang für den Basilikapfarrer Ekkehard Schmid ein der sich beim Probereiten eine Verletzung zuzog.

Ehrengast dieses Jahr war Günther Oettinger (CDU), ehemals Mitglied und Vizepräsident der Europäischen Kommission und ehemaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Ebenfalls dabei waren Europa-Abgeordnete Norbert Lins (CDU), der Verkehrsstaatssekretär Raimund Haser (CDU), die Bundestagsabgeordnete Agnieszka Brugger (Grüne), sowie die Landtagsabgeordneten Antje Rommelspacher (CDU) und Anna Wiech (Grüne) nebst Bischof Krämer und Oberbürgermeister Clemens Moll.

Die schwäbische Zeitung hat hierzu auch eine Bildergallerie:
https://www.schwaebische.de/regional/oberschwaben/weingarten/mit-vielen-videos-und-bildern-so-schoen-war-der-blutritt-2026-in-weingarten-4578114

Quellen

Der Weingartener Blutritt – Was Oberschwaben ausmacht
Erinnerungsorte in Baden-Württemberg
(hier gibt es viel mehr in Detail darüber zu lesen!)
https://www.landeskunde-baden-wuerttemberg.de/weingartener-blutritt

Größte Reiterprozession Europas
So war der Blutritt in Weingarten
https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/friedrichshafen/reiterprozession-blutritt-2026-in-weingarten-100.html

und die schwäbische Zeitung natürlich, siehe oben.

Tradition im Wandel: die kultursoziologische Untersuchung

An einem verkaufsoffenen Sonntag habe ich mir die neue Ausgabe des Oberland Hefts gekauft. Die wissenschaftliche Untersuchung der Blutreiterinnen und Blutreiter (232 Individuen aus 57 Blutreitgruppen) hat mich sehr interessiert und daher wollte ich drei Erkenntnisse hervorheben die vielleicht für den ein oder anderen auch von großer Interesse ist.

Titelseite des Oberland Hefts.
(Quelle: Bildschirmzeitung)
  1. Entscheidung von 2021
    Vor 5 Jahren wurde Frauen den Weg zum Blutreiten geebnet, da nun den Blutreitergruppen frei stand ob sie Frauen das mitreiten erlauben wollen.
    Eine Entscheidung die wahrscheinlich in der Gesellschaft größtenteils schon als überfällig empfunden wurde. Aus der Umfrage der kultursoziologischen Studie
    der Pädagogischen Hochschule Weingarten ging heraus, dass die überwiegende Mehrheit der Befragten dies als eine behutsame Weiterentwicklung der Tradition
    sehen und nicht als Bruch. Weiter wurde die „die Aufnahme von Frauen als selbstsverständlichen Teil eines lebendigen Glaubensvollzugs“ empfunden (S. 9) und
    50,5% waren der Ansicht, dass sich die Rolle der Frau in Zukunft gestärkt werden sollte – 13,0% beantworteten dies mit nein (vgl. S. 7).
  2. Tierschutz ist Wichtig
    Pferde sind ein Hauptbestandteil für den Blutritt und seit jeher an der Tradition maßgeblich beteiligt. In der Umfrage hat sich gezeigt, dass 1/3 eine noch intensivere
    Auseinandersetzung mit Tierschutzfragen wünscht und 75% haben betont, dass in den vergangen Jahren bereits konkrete Maßnahmen umgesetzt wurden (vgl. S. 10).
    In den Interviews, die ebenfalls Teil der wissenschaftlichen Untersuchung waren, gab es auch Hinweise darauf dass eine wachsende Herausforderung die Verfügbarkeit von geeigneten Pferden für den Blutritt ist. So wäre es früher selbstverständlich gewesen, dass es Pferde auf Höfen gab.
  3. Rolle der Medien
    60% der Befragten waren der Meinung, dass die Medien mehr über das organisatorische oder tierschutzrelevante Aspekte berichten als über den religiösen Kern. So wurde vereinzelt auch der Wunsch geäußert, dass mehr Informationen über den Blutritt und seine Bedeutung verbreitet werden sollten damit die Tradition nicht nur von den Teilnehmenden-Kreis aufrechterhalten wird. Grundsätzlich wird die öffentliche Sichtbarkeit aber als positiv beurteilt, da Außenstehende gelebte Tradition sehen (vgl. S. 11).

Ich fand diesen Beitrag im Oberland sehr interessant und informationsreich, es gibt noch viel mehr Einsichten und diese Ausgabe kann ich daher nur empfehlen.

Für mich persönlich zeigt dies, dass Tradition keineswegs statisch ist – auch wenn es durchaus lange dauern kann bis Änderungen sich durchsetzen. So lange der religiöse Kern erhalten bleibt, wurde ein organisatorischer Wandel akzeptiert, auch weil es als notwendig empfunden wurde. Es ist also kein Nullsummenspiel wo nur einer gewinnt während alle anderen verlieren. Der öffentliche Diskurs kann sich durch diese Einsichten weiterentwickeln – hoffentlich im positiven Sinne. Konflikte sind schließlich normal in einer Demokratie und in zwischenmenschlichen Beziehungen, es kommt nur darauf an was wir aus diesen machen und wie wir die Konflikte beilegen.

Bei Interesse: das Heft kostet €7
Fragen Sie in ihrer lokalen Buchhandlung nach, ob es lieferbar ist. Ansonsten kontaktieren Sie mich, vielleicht kann ich was arrangieren.
https://www.ravensburg.de/rv/aktuelles/2026/Kultur-Geschichte-und-natur-im-landkreis-rv.php

Inhalt
– Lara Lohr: Spannungsfeld ‚Blutritt‘. Eine kultursoziologische Untersuchung zur gelebten Tradition im gesellschaftlichen Wandel
– Marijan Gogic: Wie steht es um den Wald im Landkreis Ravensburg? Erkenntnisse aus der neuesten Bundeswaldinventur
– Franz Hoben: Das Literarische Forum Oberschwaben. Ein regionales Wunder der literarischen Gemeinschaft
– Birgit Brüggemann, Hendrik Schuler und Andreas Sommer: Topografie und Ästhetik einer zukunftsfähigen Erinnerungskultur. Zur Sichtbarmachung des „Unbegreiflichen“ in Oberschwaben
– Karin Uetz: Musikschule mit Wehrgang. Die Ravensburger „Bauhütte“ – Teil 2
– Notizen aus der Region

Ursprünglich war es als Leserbrief konzipiert, zuerst schrieb ich an die Bildschirmzeitung, aber leider konnte mein Leserbrief (hier nur der letzte Teil über die kultursoziologische Untersuchung) kein Anklang finden. Vor dem 15. Mai, daher war vermutlich noch kein Artikel vorhanden zu dem ich Bezug hätte nehmen können.
Nur die Ankündigung dass das Heft nun erhältlich ist, was ich zu diesem Zeitpunkt schon hatte.

Dann schrieb ich an die taz, auch wenn ich mir hier noch geringere Chancen einräumte. Zum einen weil ich keinen direkten Artikelbezug hatte und zum anderen weil das Heft erst kürzlich erschienen ist, die taz-Redaktion würde sich vermutlich erst eines bestellen müssen bevor sie einen Leserbrief dazu annimmt.

Na ja, da es weder bei der taz noch bei der Bildschirmzeitung funktioniert hat kam mir die Idee mit dem Blogeintrag. Dann konnte ich zumindest noch auf das Brauchtum eingehen und damit auf den Wunsch der Teilnehmer und Teilnehmerinnen eingehen, die sie in der kultursoziologischen Untersuchung ausgedrückt haben.

Bis zum nächsten Wahl! Noch einen wunderschönen Tag! (^~^)/

Veröffentlicht von thomasbaroque

Ich schreibe über politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Themen. Meine eigenen politischen Ziele ebenso. / I write about politics, the economy and science (my English isn't that good, though). My own political goals and ideas as well.

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